Rückblick: Chemnitzer Kunstmarkt

Am 10. April 2014, 19 Uhr, fand in der Galerie Borssenanger die fünfte Podiumsdiskussion zur Vernetzung der Kultur- und Kreativwirtschaft in der Region Chemnitz statt. Thema diesmal: der Chemnitzer Kunstmarkt. Auf dem Podium diskutierten der Galerist Uwe Bullmann, die Kunsthändlerin Konstanze Wolter sowie die Künstler Jörg Steinbach, Lydia Thomas und Jan Kummer über die Bedeutung und den Wert von Kunst, die Chemnitzer Galerienlandschaft und Kunstszene sowie den Kunstmarkt.

Die Hintergründe und Meinungen der Podiumsteilnehmer im Überblick:

Uwe Bullmann ist Besitzer der Galerie Borssenanger mit Standorten in Chemnitz und Hamburg. Er eröffnete nach der Wende eher durch Zufall eine Galerie in einem Hinterhaus in Chemnitz. Der Auszug des Clubs Atomino am Johannisplatz war für ihn persönlich ein Glücksfall, denn so kam er zu den seiner Meinung nach schönsten Galerieräumen der Stadt. Bullmann verkauft in seiner Galerie zwar Kunst auf Provisionsbasis. Er begreift Kunst dennoch nicht als klassische Ware und sieht sich als Galerist hauptsächlich als Kunstförderer und weniger als Kunsthändler.

Bullmann beklagt einen stetigen Wandel des Kunstmarkts. Käufern fehlte immer häufiger die Beziehung zum Kunstwerk und sie kauften nur noch Kunst, um diese mit dem Wissen einzulagern, etwas Einmaliges zu besitzen. Kunst entwickelt sich so immer mehr zu einer Spekulationsware. Der Galerist betont außerdem, dass junge Künstler es zunehmend schwer haben sich am Markt zu etablieren, da die Zahl der Sammler stark abgenommen hat.

Die meisten jungen Künstler, die Bullmann kennt, sind nach ihrem Studium in den jeweiligen Hochschulorten geblieben. Dies führt Bullmann darauf zurück, dass in Chemnitz die Atmosphäre fehle, die eine lebendige Kunstszene braucht. Außerdem fehlen prinzipiell Ausstellungsmöglichkeiten und es mangelt an gezielter Förderung junger Künstler. Bullmann attestiert Chemnitz den Wandel von einer Oase der Kunst zu DDR-Zeiten, hin zu einer mittlerweile eher kunstkargen Stadt.

Konstanze Wolter brach 2009 ihr Psychologie-Promotionsstudium ab, um das online Auktionshaus e.artis aufzubauen. Das Auktionshaus beschäftigt mittlerweile zehn Festangestellte und greift darüber hinaus auf die Unterstützung von freiberuflichen Mitarbeitern zurück. Den Standort Chemnitz bewertet Wolter für ihr Unternehmen als unproblematisch, da Standortfaktoren für sie aufgrund des Handels im Internet nur bedingt relevant seien.

Wolter beschreibt eine Hemmschwelle, Kunst im Netz zu kaufen, da sich zu viele Fälschungen im Umlauf befänden. Ihr Auktionshaus ist daher bemüht, Kunden einen entsprechenden Service und Sicherheiten beim Kunstkauf zu bieten. Nur so lässt sich das notwendige Vertrauen für eine nachhaltige Geschäftsbeziehung aufbauen. Kunden des Auktionshauses sind hauptsächlich Spekulanten oder Käufer, die Geschäfte für Investmentfonds tätigen. Zunehmend steigern aber auch Privatsammler bei Auktionen mit. Etwa 50 Zeitauktionen führt e.artis in der Woche durch. Zwar werden dem Auktionshaus manchmal Arbeiten von „Müttern im Mutterschutz, die eine Blume gemalt haben“ angeboten. Die Versteigerung solcher Arbeiten kommt für Wolter jedoch nicht in Frage, sie bezieht ihre Arbeiten hauptsächlich von Galeristen, die ihre Bestände auflösen und Sammlern, die ihre Sammlung ändern möchten. In der Vergangenheit versteigerte e.artis schon einmal einen Dalí und einen Neo Rauch. Die bisher höchsten Einnahmen bescherte ein Stillleben des Expressionisten Erich Heckel, das für 25.000 Euro den Besitzer wechselte. Am Umsatz aller Auktionen ist e.artis mit einer Provision von 25 % beteiligt.

Lydia Thomas studierte Malerei an der Akademie der bildenden Künste in München nachdem sie eine Ausbildung zur Gestaltungstechnischen Assistentin abgeschlossen hatte. Thomas kann von ihrer Arbeit als Künstlerin gut leben.

Sie sieht in ihrem Studium eine Grundlage für ihren Erfolg. Während ihres Studiums hat sie eine ausgezeichnete technische Ausbildung bekommen, aber auch der allgemeine Kontakt zu Dozenten und Kommilitonen hat sie voran gebracht. Außerdem fühlt sie sich durch ihr Studium gut darauf vorbereitet, am Kunstmarkt zu bestehen: Als Studentin besuchte sie an der Kunsthochschule Seminare zur Funktionsweise des Kunstmarktes und dem Verkauf von Kunst.

Thomas setzt beim Verkauf ihrer Bilder auf den Standort Chemnitz. Der Galerist Bernd Weise vertritt die Künstlerin. Mit der Zahl der verkauften Bilder bei ihrer ersten Ausstellung in der Galerie Weise war Thomas sehr zufrieden. Sie kann sich nicht vorstellen ihre Arbeiten im Internet zu verkaufen, etwa bei einem online Auktionshaus, da für sie das Internet als Handelsplatz nicht greifbar ist.

Thomas fühlt sich nicht als letzte junge Künstlerin in Chemnitz, sondern spürt eine lebhafte Kunstszene und kennt persönlich viele junge Menschen, die im Privaten künstlerisch wirken. Für sie selbst ist Chemnitz die Basis ihres Schaffens. Sie findet in der Stadt noch einen gewissen underground, den es so etwa in München nicht mehr gibt. An Chemnitz mag sie vor allem die raue Atmosphäre und den unfertigen Charakter, der für sie spannend ist.

Jörg Steinbach ist Künstler, Mitglied des Kulturbeirats der Stadt Chemnitz, Professor für Flächendesign an der Fakultät für angewandte Kunst der Hochschule Schneeberg und ehemaliges Mitglied des Fachbeirats für bildende Kunst der Kulturstiftung des Freistaat Sachsen. Steinbach konzipiert hauptsächlich Arbeiten für den öffentlichen Raum. Der Künstler beklagt, dass Kunst im öffentlichen Raum in Chemnitz keine Rolle mehr spielt. Er wünscht sich neue Kunstprojekte, die für die Bürger im Alltag sichtbar sind, so wie das in den 1990er-Jahren von der Stadt initiierte „In Sicht: Kunst im öffentlichen Raum“.

Steinbach nahm früher an offenen Kunstwettbewerben teil. Er hat mittlerweile jedoch eine Distanz zu solchen Wettbewerben aufgebaut und empfindet sie als unseriös. Grund hierfür ist die normalerweise hohe Zahl der Bewerbungen, die kurze Zeit, die der Jury meist nur bleibe um die Gewinner auszuwählen und die Tatsache, dass Künstler für die Wettbewerbe unbezahlt Ideen entwickeln. Dies kommt für Steinbach einem Kunst-Dumping gleich. Er reicht seine Arbeiten daher nur noch bei beschränkten Wettbewerben auf Einladung ein. Die bezahlte Aufwandsentschädigung, falls man schließlich nicht ausgewählt wird, deckt so meist wenigstens die Materialkosten. An Wettbewerben reizt Steinbach, dass er Dinge realisieren kann, die für ihn als Künstler sonst alleine nicht umzusetzen wären.

Steinbach glaubt, dass die Studenten an seiner Hochschule gut auf den Kunstmarkt vorbereitet werden. So bietet die Hochschule in Schneeberg z. B. ein Modul an, in dem Studenten ein Jahr lang einen Wettbewerb durchspielen – von der Entwicklung der Idee, über die Planung bis hin zur Juryauswahl. Diese Simulation findet Steinbach hilfreich, da sie den Studenten die Realität des künstlerischen Wirkens im öffentlichen Raum besser greifbar macht. Schließlich habe die tatsächliche Umsetzung einer Arbeit bei einem Wettbewerb letztlich mehr mit der Arbeit eines Bauunternehmers zu tun und man werde auch dementsprechend zur Rechenschaft gezogen.

Mit Blick auf aktuelle zeitgenössische Kunst fängt Chemnitz für ihn an in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Dies lässt sich seiner Meinung nach schon aus der Zahl der Galerien, die für ihn das Spiegelbild der kommunalen Verfassung sind, ableiten. So kommt in Chemnitz eine Galerie auf 80.000 Einwohner, in Dresden auf 12.000 Einwohner und in Leipzig auf 13.000. Diese Situation erachtet Steinbach als katastrophal. Da Chemnitz etwa die Galeriemietstütze, die es in den 1990er-Jahren gab, abgeschafft hat, trägt mit Schuld an dieser Situation, so Steinbach. Insgesamt setze sich die Stadt Chemnitz zu wenig für die Entwicklung der Kunstszene ein. Im soziokulturellen Bereich sieht es für den Künstler gleichermaßen traurig aus.

Steinbach ist der Meinung, dass Chemnitz aktuell dabei sei, von Zwickau überholt zu werden. In Chemnitz gibt es mit Blick auf die Entwicklung des Kunst- und Kulturbereichs weder in der Verwaltung, noch in der Stadtspitze Perspektiven, Visionen oder Impulse. Mangel wird für ihn in Chemnitz lediglich verwaltet und so der Status Quo erhalten. Dass eine Stadt wie Chemnitz sich nicht ein Kulturamt, sondern ein Kulturbüro mit nur zwei Mitarbeiterinnen leistet, ist für ihn Zeichen dieser Schieflage.

Jan Kummers Arbeitsschwerpunkt liegt in der Malerei, er bezeichnet sich jedoch selbst als anpassungsfähig. Er lehnt eine Teilnahme an Wettbewerben ab, bei denen Arbeitsentwürfe nicht vergütet werden.

Kummer „googelt sich jeden Morgen vor dem Zähneputzen“, um herauszufinden, ob online Arbeiten von ihm versteigert werden. Prinzipiell steht er dem Online-Kunsthandel aufgeschlossen gegenüber. Für den Verkauf seiner eigenen Arbeiten wird er die Plattform jedoch nicht nutzen, da das gute Verhältnis zu seinem Galeristen Uwe Bullmann dies nicht zulässt. Kummer bewertet den Chemnitzer Kunstmarkt kritisch. Seiner Meinung nach reiche die Zahl der Käufer in der Stadt nicht aus. Daher sollten sich Künstler an eine alte Chemnitzer Tugend halten und „Den Heil im Export finden.“

Für Künstler war die Stadt Chemnitz seiner Meinung nach schon immer schwierig, da es vor Ort keine Kunsthochschule gibt. Allerdings hat Chemnitz für ihn auch Vorteile, da die Arbeits- und Lebenshaltungskosten in der Stadt sehr günstig sind. Mit Blick auf Hamburg sagt Kummer: „So faul wie hier könnte ich dort niemals sein. Die Leute müssen dort rennen, um ihre Mieten zu bezahlen“. Er selbst kann in Chemnitz gut Arbeiten und findet Inspiration. So fließt etwa das ‚Gefühl der sozialistischen Großstadt‘ immer wieder in seine Bilder ein. Obwohl er gerne in Chemnitz lebt, ist es für ihn wichtig, regelmäßig die Stadt zu verlassen, um ihr immer wieder aus einer gesunden Distanz zu begegnen.

Jan Kummer empfindet die städtische Förderung der Chemnitzer Kunst- und Kulturszene als Trauerspiel. So gibt es seiner Meinung nach etwa im Stadtrat keine Lobby für die Kultur. Für ihn verwaltet Kulturbürgermeister Philipp Rochold lediglich ein Superministerium und ist ansonsten durchsichtig. Mit nur zwei Mitarbeiterinnen könne das Kulturbüro die Arbeit, die für eine gute Entwicklung der Kunstszene notwendig ist, gar nicht schaffen. Kummer betont, dass der morbide Charme der Arbeiterstadt nicht überhandnehmen darf, da dies schlecht für die städtische Entwicklung sei.

Im Anschluss an die Diskussionsrunde konnten die Gäste die aktuelle Ausstellung <Positionen 2014> in der Galerie Borssenanger besichtigen. Bei Wasser und Wein bot sich zudem ausreichend Raum für Vernetzungsgespräche. Kreatives Chemnitz bedankt sich herzlich bei allen Diskutanten, dem Moderator Lars Neuenfeld, den Gästen und der Galerie Borssenanger für ihre Unterstützung in der Veranstaltungsdurchführung sowie Daniela Schleich Fotografie und der VideoVision GmbH für die Dokumentation der Veranstaltung.

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Bilder: Daniela Schleich Fotografie



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