Rückblick: Software und Gamesindustrie

Wie es um die Software- und Games-Industrie in der Region Chemnitz steht, fand Moderator Lars Neuenfeld (Chefredakteur 371/Cartell) bei der zweiten Podiumsrunde zur Vernetzung der Kultur- und Kreativwirtschaft am 05. Dezember 2013 heraus. Auf dem Podium diskutieren Vertreter regionaler Software- und Games-Unternehmen: Martin Böhringer (Geschäftsführer Hojoki GmbH), Lars Fassmann (Vorstandsvorsitzender chemmedia AG), Tim Neugebauer (Geschäftsführer das Medienkombinat GmbH), Ronald Schirmer (Geschäftsführer yopi GmbH) und Tobias Tauscher (Projektleiter Forschungsgruppe Gamecast/Geschäftsführer Cinector). Über 50 Gäste folgten der Gesprächsrunde im Haus E, einige von ihnen brachten sich selbst in die Diskussion ein.

Skizze der Podiumsteilnehmer von Stephanie Brittnacher

Skizze der Podiumsteilnehmer von Stephanie Brittnacher

Während der Podiumsdiskussion kamen insbesondere die folgenden Punkte zur Sprache:

Standortentscheidung und Standortfaktor Chemnitz/Mittweida

Die Unternehmer erklärten, sich bewusst für die Stadt Chemnitz bzw. Mittweida entschieden zu haben. Als maßgebliche Faktoren für diese Entscheidung nannten die Podiumsgäste u. a. Heimatverbundenheit, die Lebensqualität in der Region und den maßgeblichen Vorteil in der Kostenstruktur gegenüber anderen Standorten. So sei diese in Chemnitz nicht nur im Bereich Boden/Mieten sehr günstig, sondern auch im Bereich Personal.

Während Ronald Schirmer die Verfügbarkeit von gut ausgebildetem Personal am Standort Chemnitz lobte, sahen Martin Böhringer und Lars Fassmann im Personalbereich ein massives Problem. Sie betonten, dass sie regelmäßig vor der Schwierigkeit stünden, ausreichend qualifizierte Fachkräfte für ihre Unternehmen zu finden. Fassmann verwies in diesem Zusammenhang auf die Neugründung eines Firmensitzes der chemmedia AG in Athen Anfang des Jahres. Weniger drastisch schätze Tim Neugebauer die Situation des Fachkräftemangels ein. Er brachte an, dass der Pool an Fachkräften in der Region zwar nicht übermäßig groß sei. Die Zahl der Unternehmen, die auf diesen zugriffen, sei allerdings auch kleiner als an anderen Standorten. Die Anzahl der Fachkräfte und der Unternehmen stehe somit in einem guten Verhältnis. Daher entfiele für Unternehmen die Notwendigkeit Mitarbeiter abzuwerben, wie etwa in Berlin.

Dass Unternehmen sich gegenseitig nicht die Programmierer streitig machten, führte Fassmann jedoch nicht auf die Zahl der Softwareunternehmen zurück, sondern vielmehr auf ihre Einstellung. In der Softwarebranche der Region herrsche eine Unternehmenskultur des „Miteinanders“. Dies führe dazu, dass die Unternehmen den Fachkräftemangel über anderen Weg lösten, etwa durch Neugründungen an anderen Standorten.

Unternehmensgründungen

Die Podiumsteilnehmer stimmten darin überein, dass die Unternehmerkultur in der Region noch nicht ausreichend ausgereift sei. Fassmann beschrieb allerdings, dass sich im Vergleich zur Zeit der Ausgründung der chemmedia AG aus der TU Chemnitz Ende der 1990er schon wesentliche Fortschritte in diesem Bereich vollzogen hätten. So sei die Bereitschaft junger Menschen gestiegen ins Unternehmertum einzutreten. Außerdem stünden seitens der Universität und der Stadt mittlerweile Angebote bereit, die junge Menschen zu diesem Schritt ermutigten und sie in ihrem Vorhaben unterstützten.

Böhringer, der wie Fassmann ein Unternehmen mitgründete, wies darauf hin, dass vielen jungen Menschen eine gewisse wirtschaftliche Weitsichtigkeit bei der Unternehmensgründung fehle. Häufig fiele es ihnen schwer zu erkennen, inwiefern ihre Ideen wirtschaftlich seien bzw. wie sich daraus ein Geschäftsmodell entwickeln ließe. Aus diesem Grunde empfahl Böhringer, Unternehmen nicht im Alleingang zu gründen, sondern sich Mitstreiter zu suchen. Dies steigere die Kreativität. Denn während Wissen im Bereich der Betriebswirtschaft und Technik unabdingbar für die Gründung seien, sei doch letztlich Kreativität das ausschlaggebende Kriterium für den Erfolg eines Unternehmens – vorausgesetzt, es existiere ein Bedarf für das Produkt am Markt.

Auch Neugebauer bezog sich auf den Aspekt Kreativität und Unternehmensgründungen. Er brachte dies allerdings in direkte Verbindung zu seinem eigenen Unternehmen und der Standortsituation. Er betonte, dass er sich mehr Neugründungen in der Region wünsche und folglich mehr Konkurrenz am Markt. Diese ließe die Leistung des eigenen Unternehmens steigen. Schließlich müssten Unternehmen bei einem höheren Wettbewerbsdruck mehr Problemlösungskompetenzen entwickeln – und somit mehr Kreativität. Ansonsten könnten sie neben ihren Mitstreitern nicht am Markt bestehen.

Auftraggeber

Die meisten der Podiumsgäste beschrieben, dass sich ihre Unternehmen bewusst am nationalen und internationalen Markt orientierten. Schließlich sei die Zahl der Auftraggeber in der Region Chemnitz zu gering. Eine Einschätzung dieser Situation nahm Neugebauer vor. Er führte die schlechte Auftragslage auf die in der Region vorherrschende Mentalität zurück: Wenngleich zwar bei vielen möglichen Auftraggebern ausreichend Gelder vorhanden seien, fehle diesen jedoch oft der Mut und die Risikobereitschaft in neue Lösungen zu investieren.

Ausbildungssituation Hochschulen

Mit Blick auf die Ausbildungssituation an den Hochschulen ging die Meinung auf dem Podium weit auseinander. Während Schirmer die gute Ausbildung im Informatikbereich an der TU Chemnitz lobte, kritisierte Böhringer, dass die Chemnitzer Universität zu wenige Wirtschaftsinformatiker hervorbringe. Laut Böhringer decke die Zahl der Absolventen nicht im Ansatz den Bedarf der Unternehmen in der Region. Eine kritische Einschätzung der Ausbildungssituation in Chemnitz gab auch das Publikum: Die TU Chemnitz habe deutschlandweit ihren Ruf als hochwertige Ausbildungsstätte im IT-Bereich verloren. Sie biete nur die Möglichkeit eines traditionell Informatikstudiums und eines mittlerweile fast schon als klassisch zu bezeichnenden Wirtschaftsinformatikstudiums. Dies sei jedoch längst nicht mehr zeitgerecht.

Tobias Tauscher führte in diesem Zusammenhang die Entwicklungen der letzten Jahre an der Fachhochschule Mittweida an. Seiner Meinung nach könne diese als Vorbild für eine Neuorientierung der TU Chemnitz dienen. Denn vor einigen Jahren hatte die Hochschule Mittweida vor der gleichen Schwierigkeit gestanden: Nur noch wenige Studienanfänger schrieben sich für das traditionelle Informatikstudium ein. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, habe die Hochschule sich damals den gesellschaftlichen Veränderungen angepasst und den Studiengang „Medieninformatik und Interaktives Entertainment“ gestartet. Laut Tauscher zählt dieser Studiengang mittlerweile zu den beliebtesten an der Hochschule Mittweida.

Stadtmarketing und Herausforderungen für die Stadt Chemnitz

Einig waren sich die Diskutanten, dass die Stadt Chemnitz von ihrer Strategie abrücken müsse, Chemnitz als reinen Industriestandort zu bewerben. Es wurde gefordert, dass sich das Marketing der Stadt zunehmend auf den Bereich der Kreativwirtschaft konzentrieren und sich den veränderten Wirtschaftstrukturen anpassen solle. Schon lange sei Chemnitz mehr als nur Standort der Automobil- und Maschinenbauindustrie, so die durchgängige Meinung auf dem Podium.

Viele der Gesprächsteilnehmer wünschten sich daher, dass die Stadt Chemnitz endlich erkenne, dass es sich bei der heutigen Gesellschaft um eine Wissensgesellschaft handele, die die Kultur- und Kreativwirtschaft maßgeblich stützt. Deshalb müsse sich die Stadt stärker bemühen, Fachkräfte für diese Branche nach Chemnitz zu holen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. In diesem Zusammenhang machte Schirmer den Vorschlag, öffentliche Förderprogramme für die Inanspruchnahme von Kreativleistungen aufzubauen, die letztlich einer gezielten Unterstützung der Kultur- und Kreativwirtschaft gleich kämen.

Allerdings stimmte das Podium auch darin überein, dass es der Stadt Chemnitz nicht alleine möglich sei, den Fachkräftemangel zu beheben und den Ausbau der Kreativwirtschaft voranzutreiben. Schließlich könne diese zwar Impulse setzen und die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen. Wachsen müsse die Kreativwirtschaft jedoch von selbst, da einer öffentlich gesteuerten Kultur- und Kreativwirtschaft Raum für natürliches Wachstum fehle.

Vernetzung

Auf Vorschlag von Schirmer einigten sich die Diskutanten darauf, sich künftig in regelmäßigen Abständen zu treffen. Ziel dieser Treffen ist der Austausch über Neuheiten und Schwierigkeiten im Bereich der Softwareentwicklung. Außerdem sollen diese Treffen den Selbstfindungsprozess der Branche unterstützen. Denn erst nach einer Selbstfindung, so etwa Neugebauer, sei es möglich darauf hinzuarbeiten, gezielt Fachkräfte von außerhalb nach Chemnitz zu holen. Treffen in Form eines Stammtisches wurden besprochen, aber auch die Kommunikation über die Netzwerkstrukturen des Branchenverbands Kreatives Chemnitz.

Das Publikum bestätigte, dass in Chemnitz Bedarf zur Vernetzung der Software- und Games-Industrie bestehe. Einer der Gäste wies darauf hin, dass es in der Vergangenheit bereits Initiativen zur Vernetzung gegeben habe. Diese seien sehr informativ und gut besucht gewesen, leider nach einiger Zeit jedoch wieder abgestorben.

 

Nach Abschluss der Diskussion besichtigten viele der Besucher die Räume von das Medienkombinat GmbH im benachbarten Schocken. Bei Brezeln und Bier ließen sie hier den Abend ausklingen und knüpften neue Kontakte zu anderen Kultur- und Kreativschaffenden.

Für den regen Austausch und die offenen Diskussion an diesem Abend dankt Kreatives Chemnitz herzlich allen Podiumsgästen und Besuchern der Veranstaltung. Erneut zeigte sich für den Verband, dass die Kultur- und Kreativschaffenden in Chemnitz und Umgebung sehr daran interessiert sind in Kontakt mit ihren Mitstreitern zu treten und sie einem gemeinsamen Ziel folgen: Der Verbesserung ihres Arbeitsumfelds, der Steigerung der Wirtschaftlichkeit der Region und einer zeitgemäßen Entwicklung der Stadt Chemnitz.

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